Die Menschen abholen, wo sie stehen“ – HAW Hamburg bildet Flüchtlinge in Bergedorf zu Gesundheitsbotschaftern aus

Die Menschen abholen, wo sie stehen“ – HAW Hamburg bildet Flüchtlinge in Bergedorf zu Gesundheitsbotschaftern aus

„Ich habe überlebt“, sagt Zainah B. Die junge Computerspezialistin aus Afghanistan sitzt als eine von wenigen Frauen in einem Seminarraum am Campus Bergedorf. Da Ramadan ist, hat sie sich ein Tuch lose um den Kopf geschlagen. „Ich habe in meinem Land für Menschenrechtsorganisationen und Woman's Rights gearbeitet. Deshalb haben mich die Taliban verfolgt und mit dem Tode bedroht“, erzählt sie in fließendem Englisch.

Zainah ist eine der Geflüchteten, die im Projekt REFUGIUM an der Fakultät Life Sciences zu Multiplikatoren in Gesundheitsfragen ausgebildet wurden. Als Botschafter sollen sie Ansprechpartner in den Flüchtlingscamps sein. Rund um Gesundheit und Hygiene können sie erste Beratung vor Ort geben sowie weiterführende Hinweise auf medizinische Versorgung.

An diesem Nachmittag sind rund 20 von ihnen zur Zertifikatsübergabe an den Campus Bergedorf gekommen. Nach insgesamt sechs Sitzungen zwischen April und Juni endet damit das Ausbildungsprogramm „REFUGIUM – Geflüchtete zu Gesundheitsmultiplikatoren“. Durchgeführt haben es Studierende des 2. und 3. Semesters im Fach Gesundheitswissenschaften unter der Leitung der Sozialforscherin Prof. Dr. Christine Färber.

Workshops sollen Gesundheit der Geflüchteten erhalten
Zuvor war in den Flüchtlingscamps mit mehrsprachigen Flyern und Informationsveranstaltungen für REFUGIUM geworben worden. „Die Menschen, die zu uns kommen, benötigen Informationen über Gesundheit und Handlungskompetenzen, um selbst ihre Gesundheit erhalten und wiederherstellen zu können. REFUGIUM vermittelt Gesundheitsinformationen in didaktisch aktivierender und partizipativer Form.  Damit stärkt es die Gesundheitsressourcen von Flüchtlingen in Unterkünften und deren Potenziale für Gesundheitsförderung und Prävention“, beschreibt Professorin Färber Programm und Ziel der Workshops.

Einige Studierende haben selber Fluchterfahrung
Es waren Studierende, die das Workshop-Programm ausarbeiteten. Zwei Semester lang planten sie die sechs Sitzungen zu Gesundheitsthemen. Einige Studierende blicken selber auf Fluchterfahrungen zurück: sie kamen in ihrer Kindheit als Flüchtlinge nach Deutschland. Eine von ihnen ist Nita Kama, 26. Die Lehrbeauftragte des Projekts REFUGIUM stammt aus dem Kosovo und flüchtete mit neun Jahren nach Deutschland. „Die Lebensrealität der Geflüchteten kann ich deshalb ganz gut einschätzen“, sagt sie. Mit einem Leistungsstipendium für Schüler schaffte sie das Abitur. Kama studierte Gesundheitswissenschaften an der HAW Hamburg und ist nun Assistentin von Professorin Färber.

Die elementaren Bedürfnisse von Geflüchteten erkennen
Kamas empirische Bachelorarbeit bildete eine wichtige Grundlage für REFUGIUM. Darin behandelt sie die Perspektiven von Geflüchteten aus dem Kosovo. „Meine Fragestellung zielte auf die elementaren Bedürfnisse bei ihrer Ankunft ab: Was brauchten sie zum Leben? Wie konnten sie gesund bleiben? Wie gelangten sie an die nötigen Informationen?“ Fragen rund um die Gesundheit, Ernährung, Bewegung, Hygiene und Zahnpflege spielten dabei eine übergeordnete Rolle. „Wir müssen die Menschen dort abholen, wo sie stehen. Dafür war die Arbeit von Nita perfekt. Durch die von ihr ermittelten Antworten konnten wir das Programm REFUGIUM wesentlich besser an die Bedürfnisse der Flüchtlinge anpassen“, ergänzt Färber, die Nita Kama deshalb in das Projekt holte.

Anschluss an ein normaleres Leben finden
Für Zainah war das Programm zusätzlich eine „riesige Chance, wieder unter Menschen zu kommen und mit ihnen auf Augenhöhe zu sprechen.“ Genauso wichtig wie das Wissen über Hygiene und Gesundheit war ihr der regelmäßige Austausch mit anderen: „Es war für mich der Anschluss an ein normaleres Leben. Mein Alltag im Camp ist langweilig und vom Warten auf Papiere bestimmt. Hier im Projekt konnte ich etwas tun und mich einbringen. Wie ich es eben gewohnt bin. Das hat mich aufgebaut und sehr gefreut!“

Niemand will tatenlos herumsitzen
Tatenlos wollte auch Milad K.  aus dem Iran nicht sein.  Ein Flyer in seiner Unterkunft in Nettelnburg machte ihn auf das Projekt aufmerksam. „Ich musste raus und etwas tun.“ Neben seinem Engagement im REFUGIUM Projekt, das er gern fortsetzen möchte, hilft er seinen Mitbewohnern bei Übersetzungsfragen und arbeitet an einem bebilderten Guide für neuangekommene Menschen in den Unterkünften.

Der Iraker Saifullah M. begann in der Flüchtlingsunterkunft mit Übersetzungshilfe in sozialen und rechtlichen Fragen. Dabei wurde der Englischlehrer und promovierte Musikwissenschaftler auf REFUGIUM aufmerksam. Das Projekt sei ideal, um die großen Wissenslücken besonders im Bereich der Hygiene zu schließen, die es an vielen Stellen gibt: „Die Gewohnheiten vieler Älterer können wir nicht mehr ändern.“ In die Zukunft sieht er optimistisch: „Wenn wir bei den Kindern ansetzen, dann können wir viel erreichen. So ein Projekt ist da genau das richtige.“

Geflüchtete so schnell wie möglich integrieren
Der Lehrbeauftragen Kama und den anderen Studierenden ist es außerdem wichtig, die Flüchtlinge so schnell wie möglich in das System hineinzubringen. „Sonst bleiben sie in ihren Lagern und wir erreichen sie nicht. Meine eigene Integration hat so gut geklappt. Ich möchte mein Wissen und meine Hilfe deshalb weitergeben!“ (Autoren: Moritz Heitmann/Katharina Jeorgakopulos)

Links:
Bildergalerie auf der Facebookseite der HAW Hamburg:
bit.ly/1Q0wqrm
Programm „REFUGIUM bildet Geflüchtete zu Gesundheitsmultiplikatoren aus“ (PM und pdf) www.haw-hamburg.de/news-single/artikel/programm-refugium-bildet-gefluechtete-zu-gesundheitsmultiplikatoren-aus-informationsveranstaltung-am-25-april.html
Informationen zum Forschungsprojekt „Flucht und Gesundheit" (Archiv Forschung)
https://www.haw-hamburg.de/themendienst/projekt-news-detail/artikel/neues-forschungsprojekt-an-der-fakultt-life-sciences-zu-flucht-und-gesundheit.html

Kontakt:
Fakultät Life Science
Prof. Dr. Christine Färber, Professorin für empirische Sozialforschung
Tel. +49.40.428 75-6115
christine.faerber@haw-hamburg.de

Dr. Omar Aboelyazeid, Übersetzter und Zahnarzt im Projekt REFUGIUM
Omar.Aboelyazeid@haw-hamburg.de

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