Schlachtung trächtiger Nutztiere – Forschungsprojekt untersucht Häufigkeit und Ursachen

Schlachtung trächtiger Nutztiere – Forschungsprojekt untersucht Häufigkeit und Ursachen

Leidet das ungeborene Tier? Kommen Schlachtungen tragender Nutztiere häufig vor? Was sind die Gründe? Bietet sich eine Alternative? Wenn es um die Schlachtung trächtiger Nutztiere geht, stellen sich viele Fragen. Beantworten will sie das Forschungsprojekt „SiGN“ der HAW Hamburg in Zusammenarbeit mit der Universität Leipzig.

Für viele Verbraucherinnen und Verbraucher gehört Fleisch auf den täglichen Speiseplan. Was genau bei der Fleischgewinnung geschieht, bleibt den meisten Menschen allerdings verborgen. Das gilt auch für die Schlachtung von trächtigen Nutztieren. Eine Forschungsgruppe der HAW Hamburg und der Universität Leipzig hat sich nun zum Ziel gesetzt, diese Praxis zu untersuchen, die Gründe für eine Schlachtung dieser Tiere herauszuarbeiten und daraus Handlungsempfehlungen zu entwickeln.

Bei trächtigen Nutztieren regelt die Tierschutz-Transport-Verordnung, ob sie noch transportiert werden dürfen. Ist die Trächtigkeit über 90 Prozent fortgeschritten, bleibt das Tier im Stall. Müssen trächtige Tiere im Seuchenfall getötet werden, gibt es ebenfalls eine Regelung: Ohne bestimmte Arzneimittel, die auch den vermutlich schmerzempfindenden Fötus betäuben, dürfen sie nicht euthanasiert werden. Geht es allerdings um die Schlachtung trächtiger Nutztiere in Schlachtbetrieben, dann gibt es keine bundesweite Gesetzgebung. Lediglich in einigen Bundesländern existieren freiwillige Vereinbarungen und Landeskodizes.

Die Schlachtung trächtiger Nutztiere ist aus Tierschutzsicht problematisch: Ab dem zweiten Drittel der Trächtigkeit kann man nicht mehr ausschließen, dass die Föten Schmerzen empfinden. Wird der Fötus nicht mehr über das Blut des Muttertieres mit Sauerstoff versorgt, stirbt er durch den einsetzenden Sauerstoffmangel. Je nach Entwicklungsstadium und Funktion des Nervensystems kann dies für Leiden beim Tier sorgen. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler beschäftigt das Thema schon seit mehr als zehn Jahren. Im Zuge zunehmender ethischer Bedenken von Verbraucherinnen und Verbrauchern und der wachsenden gesellschaftlichen Bedeutung des Tierschutzes bekommt es nun auch in der öffentlichen Wahrnehmung mehr Raum.

Von Einzelfällen und Datenlücken

Ein Grund für fehlende Gesetze und Verordnungen ist die bisherige Auffassung, dass es sich bei solchen Schlachtungen um Einzelfälle handele. Verschiedene Studien haben bereits stichprobenweise Zahlen erhoben, die diese Annahme widerlegen. Eine bundesweite, standardisierte Studie fehlte jedoch ebenso wie eine Erhebung, die neben Rindern auch die Nutztierarten Schwein, Schaf, Ziege und Pferd berücksichtigt. Mit dieser Motivation ging das Projekt SiGN (Schlachtung gravider Nutztiere) im Jahr 2015 an den Start. Es ermittelt deutschlandweit den Anteil von Trächtigkeiten bei Schlachttieren. Gleichzeitig sucht es die Ursachen für eine Abgabe trächtiger Nutztiere an Schlachthöfe.

Das Projekt ist Teil der von Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt begründeten Initiative „Eine Frage der Haltung – Neue Wege für mehr Tierwohl“. Seit dem 1. Februar 2015 fördert das Bundesministerium für Landwirtschaft und Ernährung das Projekt der Verbundpartner HAW Hamburg und Universität Leipzig. Unter Leitung von Professor Dr. med. vet. Katharina Riehn (Department Ökotrophologie der HAW Hamburg) und Professor Dr. med. vet. Ernst Lücker (Universität Leipzig) arbeiten vier wissenschaftliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an der Datenerhebung. 

Eine von ihnen ist Lisa Walter. Die Tierärztin beschreibt ein Hauptproblem: „Ist ein Tier erst einmal auf dem Schlachthof, darf es von dort nicht mehr wieder zurück in den Stall, auch wenn sich vor Ort herausstellt, dass es trächtig ist.“ Dafür sorgen verschiedene Gesetze, Seuchen- und Hygienebestimmungen. Hinzu kommt, dass eine Trächtigkeit häufig vor der Schlachtung nicht mit bloßem Auge festzustellen ist. Kann der Weg schon vor der „Endstation Schlachthof“ unterbrochen werden?

Ziele

Ein Ziel des Forschungsprojekts ist es, alle an der Fleischproduktion Beteiligten mit einer einheitlichen, belastbaren Datenlage zu informieren und zu sensibilisieren: Wie kann Trächtigkeit möglichst früh erkannt werden? Wie kann im Haltungsmanangement gegengesteuert werden? Welche Handlungsmöglichkeiten bieten sich an? Neben der Erfassung der Fälle, in denen tragende Nutztiere geschlachtet werden, macht sich das Projekt an die Analyse der Gründe für das Auftreten solcher Fälle. Dafür befragen die Forscherinnen und Forscher praktizierende Tierärzte sowie Landwirte. Zusätzlich arbeitet das Projekt an einer möglichst realistischen Wirtschaftlichkeitsberechnung mit verschiedenen Szenarien, die auf die Expertise von Tierärztekammern, Landwirtschaftskammern und -verbänden zurückgreift. Diese Kosten-Nutzen-Analyse stellt die Schlachtung eines trächtigen Tieres ihrer Alternative gegenüber – der Nutzung des Nachwuchses.

Erhebung­ – Fälle und Ursachen

Die Forscherinnen und Forscher gehen bei der Erhebung in zwei Schritten vor. Im ersten Schritt nehmen sie Kontakt mit Landesministerien, Veterinärbehörden und Schlachtunternehmen auf und bitten um die Erfassung der Fälle, in denen trächtige Tiere geschlachtet werden. Neben Rindern erhebt das Projekt auch Daten von Pferden, Schweinen, Schafen und Ziegen. Von Interesse ist ebenfalls das Entwicklungsstadium der Föten. Dabei wird die Trächtigkeit in Trimester unterteilt. Kritisch ist vor allem das letzte Trimester kurz vor der Geburt, da der Fötus hier am weitesten entwickelt ist. Die Arbeitsabläufe auf den Schlachthöfen lassen nicht viel Zeit, die Erfassung muss schnell gehen. Deshalb hat das Forschungsteam einen kurzen Erfassungsbogen konzipiert, der gemeinsam mit einem Merkblatt verschickt wird. Auch online ist eine Datenübermittlung an SiGN möglich. Um ein breites Verständnis des Themas werben Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Forschungsprojekts regelmäßig auf Fortbildungen für Veterinäre und Schlachthofpersonal.

In einem zweiten Schritt untersucht das Team die auftretenden Fälle direkt in kooperierenden Schlachtbetrieben. Im Gegensatz zu den Schlachthofveterinären hat es keinen Zeitdruck und kann das Entwicklungsstadium der Föten noch genauer bestimmen. Ausgewählt haben die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Betriebe anhand der Rückmeldungen im ersten Erfassungsschritt. „Vor Ort in den Schlachtbetrieben haben wir Kontakt zu vielen unterschiedlichen Personen. Überwiegend erleben wir aufgeschlossenes Interesse“, schildert Tierärztin Lisa Walter ihre Erfahrungen. „Vom Tierarzt bis zum Schlachthelfer bewegt das Thema viele. Die Motivation, uns zu unterstützen, ist dabei spürbar. Das bestätigt uns in unserer Arbeit.“

Zwischenstand

Das Projekt SiGN konnte bisher zeigen, dass die Schlachtung tragender Nutztiere kein Einzelphänomen ist. Im Gegenteil: Tragende Nutztiere werden regelmäßig geschlachtet. Der Anteil der trächtigen Tiere an der Gesamtzahl der erhobenen Schlachtungen beträgt bei Rindern 1,2 Prozent (bezogen auf alle Rinder) und 2,2 Prozent (bezogen auf alle weiblichen Rinder). Je nach Standort der Betriebe allerdings in unterschiedlichem Ausmaß. Bei Schafen lag der Anteil bei 0,8 Prozent (alle Schafe) und 4,1 Prozent (weibliche Schafe), bei Ziegen bei 0,7 Prozent (alle Ziegen) und 9,5 Prozent (weibliche Ziegen). Bei Pferden stellten die Forscherinnen und Forscher keine Fälle fest. Ohnehin werden Pferde in Deutschland selten zur Fleischproduktion verwendet.

Die Ergebnisse zeigen: Eine Regelung dieser Praxis in Hinblick auf Tierschutzaspekte ist notwendig. Das Projekt konnte bereits einige Maßnahmen und Handlungsempfehlungen erarbeiten, die alle an der Produktionskette beteiligten Personengruppen berücksichtigen. Bei der Ausarbeitung eines Vorschlags für das Tiererzeugnisse-Handels-Verbotsgesetzes konnte das Projekt wissenschaftlichen Input beisteuern.

Ausblick

Das Projekt SiGN läuft bis Februar 2018. Für den noch verbleibenden Zeitraum wollen die Forscherinnen und Forscher sich der Nutztiergruppe der Schweine noch einmal verstärkt widmen. Bei diesen Tieren ist unter anderem die Altersbestimmung der Föten schwierig, da diese beim Schwein sehr klein sind. Auch die Empfehlungen für Handlungsmöglichkeiten will das Team in den kommenden Monaten noch konkreter ausarbeiten.

In Hinblick auf den Tierschutz hat SiGN mit seiner innovativen Zielstellung Modellcharakter: Die erhobenen Daten sind nicht nur für die Wissenschaft selbst relevant, sondern auch für alle Beteiligten – vom Schlachtbetrieb über die Veterinärüberwachung bis hin zu den Verbraucherinnen und Verbrauchern. Mit diesem praxisorientierten Ansatz sollen langfristig die Bedingungen für eine tierschutzgerechte Schlachtung landwirtschaftlicher Nutztiere verbessert werden. Zusätzlich können die Verbraucherinnen und Verbraucher die Abläufe bei der Fleischherstellung besser nachvollziehen. (Autor: Moritz Heitmann)

Weitere Informationen
Über das Projekt SiGN informieren die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf ihrer Webseite. 

Kontakt:

HAW Hamburg
Department Ökotrophologie
Prof. Dr. med. vet. Katharina Riehn, Professorin für Lebensmittel-Mikrobiologie und –Toxikologie und Projektleiterin
Katharina.riehn@haw-hamburg.de

Lisa Walter, Tierärztin
Lisa.walter@haw-hamburg.de

 

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