Die Katastrophe als Antrieb: TUHH-Experten spüren lokale Erfinder mit Lösungen zur Hochwasser-Hilfe auf

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Die Katastrophe als Antrieb: TUHH-Experten spüren lokale Erfinder mit Lösungen zur Hochwasser-Hilfe auf

Eine Krankenversicherung, die mit Müll bezahlt wird, ein Gras, das Hänge stabilisiert, ein DIY-Starkregenmelder und ein Monopoly zu Müllfragen – dies sind vier von zahlreichen lokalen Erfindungen zur Stärkung der Widerstandsfähigkeit gegen Hochwasser, die Wissenschaftler der Technischen Universität Hamburg (TUHH) im Auftrag der Internationalen Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmond-Gesellschaften (IFRC) im ländlichen Indonesien ausfindig gemacht haben. Dabei haben sie eine vornehmlich im Unternehmenskontext verankerte Vorgehensweise zur Identifizierung von Innovationen – die sogenannte Lead-User-Methode – erstmals im humanitären Sektor angewandt.

Hochwasser ist die Umweltkatastrophe Nummer eins

Hochwasser sind längst kein Jahrhundertereignis mehr. Tatsächlich betreffen Überschwemmungen nach UN-Angaben weltweit mehr Menschen als jede andere Umweltkatastrophe – über 85 Millionen allein im vergangenen Jahrzehnt. In Indonesien – mit mehr als 5500 Flüssen an Rang fünf der am stärksten betroffenen Länder – sind Klimawandel, Urbanisierung und fehlendes Abfallmanagement die treibenden Faktoren. Denn: Regenfälle werden immer stärker, der Meeresspiegel steigt stetig. Die rasante Entwicklung der Bevölkerungszahlen führt wiederum dazu, dass immer mehr Wälder abgeholzt und natürliche Auffangsysteme zerstört werden. Hinzu kommt, dass Flüsse, Ufer und die ohnehin veralteten Abflussanlagen von Müllmassen verstopft werden.

Gesucht: Problemlöser, die der Masse vorauseilen

Hier haben sich die TUHH-Experten für die Lead-User-Methode auf die Suche begeben. „Lead User sind Nutzer, die der Masse vorauseilen, die nicht erfinden, um reich zu werden, sondern um ein persönliches Problem zu lösen“, erklärt Professor Cornelius Herstatt, Leiter des TUHH-Instituts für Technologie- und Innovationsmanagement. Wattestäbchen, Skateboards und natürlich das World Wide Web sind hier prominente Beispiele. „Der Gedanke hinter der IFRC-Anfrage war: Wenn in einem Land wie Indonesien Hilfe vom Staat nicht bei den Menschen ankommt und ausländische Hilfsangebote am Bedarf vorbei entwickelt sind, dann gibt es dort doch sicher Menschen, die mit lokalem Wissen und Material erfinderisch werden, um ihrer Familie und ihrem Dorf zu helfen.“

Gefunden: Lokale Lead User mit inspirierenden Lösungen

Durch intensive Recherche, Screenings und Austausch mit mehr als 100 Experten aus Firmen, Universitäten und Organisationen in elf Ländern haben sich die Wissenschaftler die Wissenspyramide hoch- und bis in die ländlichsten Regionen Indonesiens vorgearbeitet – und schlussendlich 25 inspirierende Ideen aus unterschiedlichen Bereichen wie Erziehung, Gesellschaft, Software oder Service gefunden. „Für uns war es natürlich großartig, die Erfinder vor Ort persönlich kennenzulernen und dabei zu sehen, dass sie zahlreiche Eigenschaften mitbringen, die ihnen in der Theorie als Lead User zugeschrieben werden“, sagt Moritz Göldner, Doktorand am Institut von Professor Herstatt, der sich zusammen mit seinem Kollegen Daniel Kruse zwei Wochen lang vor Ort von den Lösungen überzeugen konnte.

Dies sind vier jener zehn Projekte, die als Erfindungen mit dem größten Potential identifiziert wurden und künftig mit Unterstützung des IFRC weiterentwickelt werden sollen:

Dr. Gamal Albinsaid – Garbage Clinical Insurance, Gesundheit bezahlt mit Müll

Als Trainee im Krankenhaus hat Gamal Albinsaid vor einigen Jahren miterlebt, wie ein Kind starb, weil sein Vater sich lebensrettende Maßnahmen nicht leisten konnte. Jener Mann war Müllsammler – und das tragische Ereignis Auslöser einer heilbringenden Idee: Albinsaid hat in Malang mit Garbage Clinical Insurance eine Mikro-Krankenversicherung geschaffen, deren Beiträge mit recyclebarem Abfall bezahlt werden können. Auch einzelne Behandlungen lassen sich in einer von bislang fünf kooperierenden Kliniken mit Müll bezahlen. „Fast 4000 Menschen in Malang haben dadurch bereits Zugang zu medizinischer Versorgung, der ihnen vorher verwehrt blieb“, schwärmt Göldner.

Annisa Hasanah – Ecofunopoly, das grünes Monopoly

„Mama, wo soll ich meinen Plastikmüll hintun?“, fragte das Kind im Zug, in dem auch Annisa Hasanah saß. „Schmeiß ihn aus dem Fenster“, war die Antwort. Hasanah traute ihren Ohren nicht – und entwickelte Ecofunopoly, ein grünes Brettspiel mit Müllmanagementfragen. Seither reist sie damit durch Asien, um das Spiel an Schulen, in Kindergärten und auf Messen zu präsentieren. Mehr als 1000 Spiele werden bereits im ganzen Land und darüber hinaus genutzt. „Darunter auch 4x4-Meter-Versionen für den Klassenraum“, weiß Professor Herstatt: „Und es gibt auch bereits eine Version auf Deutsch.“

Nugroho Christanto – Sipendil, ein Warnmelder für Starkregen

Christanto ist Doktorand an der Gadjah-Mada-Universität in Yogyakarta. Während einer Exkursion kam es nachts zu starken Regenfällen, ein Haus wurde weggespült, ein Kollege des Geologen kam dabei ums Leben. Danach baute Christanto Sipendil, ein sehr einfaches Regenmessgerät aus einer Röhre, Sensoren und Batterien, das ähnlich einem Rauchmelder ein akustisches und ein optisches Warnsignal abgibt. Die Anleitung ist online frei verfügbar. Das Material ist für rund 30 Euro zu haben. Christanto selbst verkauft die Geräte für 70 Euro – und baut für jedes verkaufte System ein weiteres, das er verschenkt. „Damit konnte bereits vor sechs Erdrutschen rechtzeitig gewarnt werden“, sagt Kruse.

David Booth – Vetiver, das stabilisierende Super-Gras

David Booth ist Bauingenieur. Vor 20 Jahren wollte er in einem kleinen Dorf, das keinen Zugang zu Ärzten oder Märkten hatte, eine Straße bauen. Er war auf der Suche nach einer kreativen Idee, um einen Hang zu stabilisieren, da die üblichen Losungen wie Beton nicht funktionierten. Was er nach langer Suche fand war ein Gras, genauer gesagt, die Sorte Vetiver, die schnell wächst, dabei tiefe, starke Wurzeln schlägt und nur dort wächst, wo man es einpflanzt, um einen schützenden Wall zu bilden. „Das Gras schützt vor Erosion und kann zur Stabilisierung von Flussläufen genutzt werden“, sagt Professor Herstatt: „Das ist natürlicher Hochwasserschutz par excellence!“

Weitere Informationen und zusätzliches Bildmaterial auf Anfrage.

Weitere Projekte des TUHH-Instituts für Technologie- und Innovationsmanagement

Ansprechpartner

Prof. Cornelius Herstatt und Dipl.-Ing. Moritz Göldner Technische Universität Hamburg Institut für Technologie- und Innovationsmanagement
Am Schwarzenberg-Campus 4
21073 Hamburg
Telefon: +49 40 42878 3775
E-Mail: moritz.goeldner@tuhh.de
www.tuhh.de/tim

TUHH - Pressestelle

Sabrina Knoll
E-Mail: sabrina.knoll@tuhh.de
Telefon: +49 40 428 78 3558
Fax: +49 40 428 78 2366