Prof. Dr. Clemens Wöllner – Projekt Slow Motion: Transformations of Musical Time in Perception and Performance

Prof. Dr. Clemens Wöllner – Projekt Slow Motion: Transformations of Musical Time in Perception and Performance

Gegenstand des fünfjährigen Forschungsprojekts (Laufzeit: April 2017-März 2022) ist die Wirkung gedehnter Zeit in Wahrnehmungs- und Handlungsprozessen. Wöllner und sein Team untersuchen dabei, wie Musiker, Tänzer und deren Publikum Zeit in ihren Darbietungen gestalten und erleben. Seit langem beschäftigen sich Wissenschaftler mit verschiedenen Zeitmodellen und versuchen die Besonderheiten des psychologischen Zeiterlebens im Verhältnis zu physikalischen Zeitfolgen, die beide bekanntlich nicht immer linear verlaufen, zu erfassen. Gerade in den langsamen Bewegungen von Musikern und Tänzern können diese Phänomene erlebbar werden. Musik wird dabei als verklanglichte, hörbar gemachte Bewegung verstanden. Das Hauptaugenmerk des Forschungsprojekts liegt auf Zeitdehnungen, die zu erwartenden Ergebnisse sollen aber auch generell zu einer Theorie des musikalischen Zeiterlebens beitragen.

Gedehnte Zeit dient Musikern, Tänzern und Sportlern zur Koordination und Übung komplexer Bewegungsabläufe, wobei exekutive Funktionen wie das Arbeitsgedächtnis entlastet wird. Weiterhin werden in Filmen und Videoclips häufig Zeitlupeneinstellungen eingesetzt bei besonders emotionalen Momenten. Hypothetisch spiegelt die technische Zeitdehnung das psychologische Zeiterleben in besonders intensiven Situationen wider, die langsamer zu vergehen scheinen. Nicht zuletzt kann gedehnte Zeit auch als Kontrapunkt zur vielfach beschriebenen Alltagsgeschwindigkeit gesehen werden, die zu einem gewachsenen Interesse an unterschiedlichen „Slow“-Bewegungen und Praktiken wie Tai-Chi führt.

In dem interdisziplinär angelegten Forschungsprojekt werden in einer ersten Phase die Wahrnehmung von Zeitlupen in audiovisuellen Medien analysiert unter Berücksichtigung kognitiver Dimensionen, physiologischer Erlebniskorrelate und der Blickbewegungen von Studienteilnehmern. Dadurch lassen sich detaillierte Erkenntnisse zu Prozessen der Zeitdauerwahrnehmung, Aufmerksamkeitssteuerung und des emotionalen Erlebens gewinnen. In der zweiten Projektphase werden die performativen Dimensionen gedehnter Zeit bei Solo- und Ensemblemusikern und Tänzern untersucht, wobei Hochgeschwindigkeitskameras und Bewegungsanalysesysteme zum Einsatz kommen. Die dreidimensional erfassten Bewegungen werden auch verklanglicht (sonifiziert). Nuancen der musikalisch-tänzerischen Bewegungen werden so hörbar und sichtbar und ermöglichen Einblicke in die performative Zeitverarbeitung, die in dieser Auflösung bislang kaum erreicht worden sind. Schließlich werden in einer dritten Projektphase Forschungstransfers, wie unter anderem eine interaktive App und Sonifikationen langsamer Bewegungen, generiert und mehrstufig evaluiert.

Clemens Wöllner ist seit 2013 Professor für Systematische Musikwissenschaft an der Universität Hamburg. Nach Studien in Hannover, Sheffield, Berlin und Halle, für die er mehrere Stipendien erhielt, arbeitete er unter anderem als Research Fellow am Royal Northern College of Music in Manchester und als Vertretungsprofessor in Bremen. Er wurde 2006 mit einem Young Researcher Award der European Society for the Cognitive Sciences of Music (ESCOM) ausgezeichnet und erhielt 2011 ein Associate Junior Fellowship des Hanse-Wissenschaftskollegs. In seinen Forschungen beschäftigte er sich unter anderem mit der multimodalen Wirkung von Musik, mentalem Üben, hochtrainierten Musizierbewegungen und Aufmerksamkeit sowie Arbeitsgedächtnis bei Musikern. In aktuellen Forschungsprojekten untersucht er die Synchronisation von Musikern in Jazzduos, die Wirkung von Klängen im Krankenhaus sowie Emotionen und Blickbewegungen bei Filmmusik.

Er arbeitet als Ad-hoc-Gutachter zahlreicher internationaler Zeitschriften und Drittmittelgeber und ist Associate Editor von Musicae Scientiae; Mitglied im Editorial Board von Psychology of Music und Music Performance Research. Kürzlich erschien das von ihm herausgegebene Buch „Body, Sound and Space in Music and Beyond: Multimodal Explorations“ bei Routledge.