Prof. Dr. Dr. Thomas Renné – Blutverdünner ohne Blutungsrisiko

Prof. Dr. Dr. Thomas Renné – Blutverdünner ohne Blutungsrisiko

Thrombosen sind Blutgerinnsel, die Gefäße verschießen und zu Schlaganfällen, Herzinfarkten oder Lungenembolien führen können. Thrombotischen Erkrankungen gehören zu den häufigsten Todesursachen in Deutschland. Jährlich erkranken ein bis zwei von 1.000 Menschen an einer Thrombose. Zur Vorbeugung und Behandlung von thrombotischen Erkrankungen werden Blutverdünner (sogenannte Antikoagulantien) vielfach therapeutisch eingesetzt. Diese Medikamente schützen effizient vor Thrombosen, jedoch hat dieser Schutz seinen Preis. Alle aktuell verwendeten Blutverdünner erhöhen das Blutungsrisiko, was zu lebensgefährlichen Blutungen führen kann. Das Ziel des Teams um Prof. Dr. Dr. Thomas Renné, Leiter des Instituts für Klinische Chemie und Laboratoriumsmedizin des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE), war es daher, Blutverdünner zu entwickeln, die zwar effizient Blutgerinnsel und damit Schlaganfälle und Infarkte verhindern können, aber dabei nicht zu vermehrten Blutungen führen.

Thrombosen entstehen an verletzen und entzündeten Gefäßen durch ein kompliziertes Wechselspiel von Blutplättchen und Proteinen des Blutes, dem Gerinnungssystem. An diesem wirken eine Vielzahl von Blutproteinen sogenannte Faktoren mit. Faktor XII ist der Starter der Blutgerinnung im Reagenzglas, jedoch haben Menschen, denen Faktor XII fehlt, eine völlig normale Blutgerinnung und keinerlei erhöhte Blutungsneigung selbst bei Verletzungen. Im Gegensatz dazu führt ein Mangel an allen anderen Faktoren des Blutgerinnungssystems zu Blutungen (zum Beispiel Hämophilie). Daher nahm man über Jahrzehnte an, dass Faktor XII keine Funktion habe.

Das Team um Prof. Renné hat Tiermodelle generiert, denen Faktor XII fehlt, und konnte zeigen, dass diese Tiere keine Thrombosen mehr ausbilden. Faktor XII defiziente Tiere sind vor thrombotischen Erkrankungen geschützt, bluten aber nicht vermehrt, was zeigt, dass Faktor XII selektiv für Thrombosen notwendig ist. Wie Faktor XII bei der Bildung von Thrombosen aktiviert wird, war daher eine wichtige Fragestellung. Das Team konnte die anorganische Substanz Polyphosphat als Aktivator von Faktor XII und somit Initiator der Thrombusbildung identifizieren. Die von dem Team entwickelten Medikamente gegen Faktor XII und Polyphosphat blockieren Thrombosen, ohne dabei die Blutungsneigung zu erhöhen, und stellen die ersten sicheren Antikoagulantien dar. Zusätzlich wirkt die Blockade von Faktor XII/Polyphosphat entzündungshemmend. Diese vielversprechenden neuen Therapien stehen kurz vor ihrer klinischen Anwendung.

Prof. Dr. Dr. Thomas Renné (Jahrgang 1969) studierte Humanmedizin und Chemie in Mainz und Kyoto (Japan). Nach seinem Studium forschte er an der Vanderbilt Universität in Nashville (USA) sowie am Universitätsklinikum Würzburg, wo er auch seine Facharztausbildung absolvierte. Seit 2013 ist er im Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf tätig und leitet dort das Institut für Klinische Chemie und Laboratoriumsmedizin. Zugleich ist er Professor für Klinische Chemie im Karolinska Institut in Stockholm (Schweden).